Erinnern
Gedenken an Hans Tepelmann
Hans Tepelmann: Der Rettungsversuch seines Vormundes scheiterte und der Vieweg-Nachkomme wurde in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg ermordet.
„Was ist mit dem behinderten Sohn von Frau Tepelmann-Vieweg geschehen, der oft beobachtet wurde, wie er in der Schunter geangelt hat?“ Diese Frage formulierte der Wendhäuser Pfarrer Thomas Capelle im Jahr 2009 in seinen Aufzeichnungen. Er hatte zuvor ein Gespräch mit einer Einwohnerin aus Wendhausen geführt, die ihm ihre damaligen Beobachtungen schilderte. „Und plötzlich war er weg“, erinnerte sich die damals 21-Jährige. Ihre Befürchtung zum Verschwinden von Hans Tepelmann lautete: „Den haben die Nazis geholt“. (1) Die Braunschweiger Verlegerfamilie Vieweg besaß in Wendhausen das Schloss und das Gut sowie eine Papierfabrik.
Hans Heinrich Friedrich Bernhard Tepelmann wurde am 9. Januar 1894 in Braunschweig geboren. Am 1. Oktober 1913 war er in das Braunschweigische Husarenregiment Nr. 17 als Einjährig-Freiwilliger eingetreten. Im Dezember 1914 wurde er zur Beobachtung ins Lazarett nach Braunschweig überwiesen und anschließend mit einem militärärztlichen Zeugnis am 1. September 1915 aus dem Heer entlassen. Am 1. August 1916 wurde er erneut einberufen. Anfang September meldete er sich krank und verbrachte die restliche Kriegszeit in verschiedenen Lazaretten.
Das militärärztliche Gutachten beschrieb Gründe, die dazu führten, dass Hans Tepelmann später die Leitung der Firma Friedrich Vieweg & Sohn nicht übernehmen konnte. Über ihn hieß es darin beispielsweise: „(…) dass T. schon von Kindheit an die Zeichen geistiger Minderwertigkeit offenbarte. Die Entwicklung seiner Verstandestätigkeit blieb stets rückständig, (…). Zugleich wurde ihm „angeborene(r) Geistesschwäche auf moralischem Gebiete“ attestiert.
Am 16. Oktober 1920 heiratete der Sohn von Helene Vieweg-Tepelmann (1868 – 1939) in Berlin Elfriede Volkert. Die Ehe blieb kinderlos. Hans Tepelmann wurde am 23. April 1938 in der Landes- Heil- und Pflegeanstalt (LHP) Königslutter aufgenommen. Am 12. Juni 1941 wurde er mit einem Transport aus der LHP Königslutter in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht und am gleichen Tag dort ermordet.
Der Rechtsanwalt Franz Zwilgmeyer (1901 – 1995), der Hans Tepelmann als Vormund vertrat, berichtet in seinen „Erinnerungen und Gedanken aus 90 Jahren“ von seinem Versuch, seinen Schutzbefohlenen vor der Vergasung zu bewahren. Er schreibt: „Ich war inzwischen als Ungedienter zur Wehrmacht eingezogen und hörte in den ersten Wochen des Kasernendaseins von den ersten Fällen der Vergasung Geisteskranker. Sofort war mir klar, daß mein Mündel, der geistesschwache Eigentümer der Spitzensammlung, gefährdet war. Er befand sich in der Anstalt in Königslutter, wo er ein relativ behagliches Leben führte. Davon hatte ich mich durch mehrere Besuche überzeugt, bei denen ich ihn zumeist zigarrenrauchend antraf und mich mit ihm über einfache Dinge durchaus unterhalten konnte. Das Leben in Königslutter war ihm keine Last. In der Kaserne bekam ich jetzt die alarmierende Nachricht, daß auch von Königslutter aus Verlegungen in Tötungsanstalten stattfänden. Ein Urlaubsgesuch aus der Kaserne nach Braunschweig, um im Ministerium vorzusprechen, wurde mir abgeschlagen: (…) Ich habe dann den zuständigen Feldwebel bestochen und bekam schließlich den Urlaub. Dem zuständigen Ministerialrat, einem älteren, nicht parteigebundenen Herren (2), der sich seiner Stellung im Ministerium wohl selbst nicht ganz sicher war, trug ich vor, daß ich eine Verlegung meines Mündels in eine andere Anstalt mutmaßte (von Vergasungsabsicht erwähnte ich selbstverständlich nichts), und daß ich fürchtete, daß durch eine solche Verlegung gesundheitliche Schäden durch den Transport und neue Umgebung entstehen könnten. Mir wurde entgegnet, daß solche Schäden nicht zu befürchten seien. Ich ließ mich aber nicht bereden und beharrte auf meinen Befürchtungen, denn ich hatte beschlossen, solange über die Sache zu reden, bis ich entweder hinausgewiesen würde oder mein Gegenüber meine wahre Absicht honorierte und sich helfend einschalten würde. Das Ende der Unterredung war, daß der Ministerialrat, der die Bedeutung eines Vorfahren meines Mündels für das deutsche Geistesleben und das Ansehen der Familie in Braunschweig kannte, sich erhob und kurz sagte: ‚Ich weiß, worum es Ihnen geht. Ich werde mich einschalten. Aber schreiben Sie mir nicht und telefonieren Sie nicht in der Angelegenheit. Kommen Sie persönlich wieder‘. Als ich nach einer Woche wiederkam, kam er mir zur Tür entgegen, gab mir die Hand und sagte: ‚Es tut mir unendlich leid, ich bin leider einen Tag zu spät gekommen‘. (…)“ (3)
Das Grab von Hans Tepelmann befindet sich auf dem Magnifriedhof in Braunschweig in der Familiengrabanlage der Familien Campe-Vieweg-Westermann. Auf seinem Grabstein steht das fingierte Todesdatum: der 20. Juni 1941. Die Familiengrabstätte wurde bedingt durch den Bahnhofsneubau 1958/59 von „Viewegs- Garten“ dorthin verlegt. (4) Im Sommer 2021 stellte der Westermann-Verlag als Nachfolgeunternehmen dort eine Informationstafel auf. Darauf heißt es: „Zu ihren Nachkommen zählte Hans Tepelmann, einziger Sohn und Erbe von Helene Tepelmann, der Urenkelin Friedrich Viewegs. Im Rahmen des „Euthanasie“-Programms des NS-Regimes wurde er in der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Bernburg 1941 ermordet“. (5) Es bleibt die Aufgabe, auch in Wendhausen an Hans Tepelmann zu erinnern. Mit dem Relief des Braunschweiger Künstlers Denis Stuart Rose wird es diesen Erinnerungsort dann geben.
1 Vgl. Capelle, Thomas, private Aufzeichnungen des Pfarrers i. R., Wendhausen, o. J.
2 Dabei handelt es sich um Gerhard Marquordt (1881 – 1950), der im Staatsministerium „für das Anstaltswesen zuständig“ war. Er war Mitglied der NSDAP. Vgl. Weihmann, Susanne, Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Königslutter und der Krankenmord, Braunschweig 2020, S. 95 ff
3 Vgl. Lütjen, Andreas, Die Viewegs. Das Beispiel einer bürgerlichen Familie in Braunschweig. Münster 2012, S. 297 ff
4 Vgl. Löffelsend, Karl-Heinz, Jahn, Günter, Der Magnifriedhof – wo Lessing begraben liegt, Braunschweig 2019, S. 43
5 Informationstafel Grabstätte der Familien Campe-Vieweg-Westermann, Magnifriedhof, Braunschweig
Autor: Uwe Otte
Verein zur NS-Geschichte in Lehre: Gründung verschoben
Um die nationalsozialistischen Verbrechen in der Gemeinde Lehre aufzuarbeiten, will sich ein neuer Verein gründen: der Termin zur Vereinsgründung ist jetzt verschoben worden. Ursprünglich hatten die Ehrenamtler am Mittwoch, 29. November, in den Ratssaal der Gemeinde Lehre eingeladen. Nun soll die Gründung im ersten Quartal 2024 nachgeholt werden. Hintergrund ist, dass wesentliche politische Entscheidungen, die die Arbeit des künftigen Vereins berühren, verschoben wurden. Die Engagierten wollen unter anderem einen Ort für eine Dauerausstellung zur Geschichte der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt in Kampstüh bei Lehre ausfindig und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Informationen zu Verein und Terminen sollen künftig hier gesammelt werden.
Hinweisschilder weisen den Weg zum Mahnort Muna
Am Rande einer Ausstellung über das Leben der sowjetischen Kriegsgefangenen in der damaligen Heeresmunitionsanstalt am Rande der Ortschaft Lehre im Jahr 2018, entstand die Idee auf diesen geschichtlich bedeutenden Ort mit Hinweisschildern aufmerksam zu machen.
„Meine Idee stieß sofort auf Unterstützung aus dem Rathaus“ betont Jens Dürrkopf, ehemaliger Lehrer der heutigen Oberschule in Lehre. Erste Gespräche mit dem Landkreis Helmstedt wurden verwaltungsseitig aufgenommen und die notwendigen Beteiligungen eingeleitet. Nach einigen Vorort-Terminen und der gemeinsamen Suche nach den optimalen Standorten, war es vor einigen Tagen dann so weit. An der Ecke Boimstorfer/Berliner Straße konnten zwei Hinweisschilder installiert werden, die nunmehr interessierte Menschen auf den regional bedeutenden Ort aufmerksam machen. Ein weiteres wurde direkt an der Einfahrt auf das Gelände aufgestellt.
Eine sinnvolle Ergänzung zu der bereits im Jahr 2016 aufgestellten Informationstafel, die direkt an der Einfahrt zu dem historischen Gelände Besucher über die Geschichte informiert. „Mit der Infotafel und dem zusätzlichen Hinweisschild wird ein Zeichen gesetzt, um dem Vergessen der geschichtlichen Hintergründe der Muna entgegenzuwirken“ erklärt OrtsbürgermeisterHeinrich Köther.
„Ein weiterer wichtiger Baustein für die Erinnerungskultur“, so Uwe Otte, der sich unter anderem der geschichtlichen Aufarbeitung des Muna-Geländes seit vielen Jahren widmet.
„Uns ist dieses Thema sehr wichtig, daher haben wir dieses auch immer wieder vorangetrieben und freuen uns, dass die Hinweisschilder vom Landkreis Helmstedt installiert wurden“, so Gemeindebürgermeister Andreas Busch.
Sein allgemeiner Vertreter Tobias Breske ergänzt: „Die Schilder sind ein weiterer Baustein in der guten Zusammenarbeit mit den vielen Menschen, die sich für die Erinnerungskultur stark machen. Schön, dass es jetzt geklappt hat."